Niersteiner Geschichte

Im Jahre 742

wurde Nierstein erstmals urkundlich erwähnt.

Der fränkische Hausmeier Karlmann, ein Sohn von Karl Martell, schenkte dem 741 errichteten Bistum Würzburg einige Klöster und Kirchen.

   Nierstein am Rhein
Darunter auch die "basilicam in villa Naristagne in honore sanctae Mariae - die Basilika im Dorf Nierstein, zur Ehre der heiligen Maria" und zwar samt ihren Zugehörigkeiten und ihrem Zubehör.

Infolge dieser Schenkung wird diese "Bergkirche" St. Kilian geweiht. Die Urkunde von 742 ist nicht erhalten, wohl aber eine Urkunde aus dem Jahr 822, in der Kaiser Ludwig der Fromme, der Sohn Karls des Großen, diese Schenkung bestätigt.

Die Niersteiner Glöck

In der Schenkungsurkunde von 742 (822) wurde der Name "Glöck" selbst nicht erwähnt, doch ist darin die Rede von den "Zugehörigkeiten" und dem "Zubehör" der Kirche, wozu auch der Weinberg unterhalb der Basilika zählte. Aus diesem Grund gilt die "Glöck" als älteste urkundlich erwähnte Weinbergslage in Deutschland. Sie war stets ein begehrtes Stück Weinberg, über die Jahrhunderte aufgeteilt in mehrere kleine Parzellen. Erst im 18. Jahrhundert gelang es der Familie von Schlemmer und ihren Nachfahren die einzelnen Parzellen zu einem Weinberg zu vereinen und diesen mit einer Mauer umfassen zu lassen. Heute ist der nur 2,1 Hektar große Weinberg im Alleinbesitz des Landes Rheinland-Pfalz und wird von der Staatlichen Weinbaudomäne Oppenheim bewirtschaftet.

Der letzte private Besitzer der Glöck, Philipp Josef Finck, errang damit große Bedeutung für den Weinbau in Rheinhessen. Finck machte die Glöck zu einer Marke, für die es ein Logo, einen Mythos und sogar ein Lied gab, das davon erzählt wie Herzog Karlmann dem Weinberg den Namen "Glöck" verliehen habe.

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1196 - Civitas Nierstein

Im Jahre 1196 wurde Nierstein zum ersten Mal als Stadt urkundlich erwähnt. Damals traf Kaiser Heinrich VI. eine Vereinbarung mit Kuno von Münzenberg über die Vogtei in der Civitas (= Stadt) Nierstein.

Seine herausragende Bedeutung verdankte Nierstein seiner geographischen, strategisch wichtigen Lage an einem bedeutsamen Fernstraßenkreuz am Rhein. Nach römischen Inschriften und ltineraren war Buconica, das keltische Nierstein, die einzige Straßenstation zwischen Mainz und Worms.

Hier in Nierstein gab es einen uralten Rheinübergang. Das linksrheinische und das rechtsrheinische Gebiet gehörten zusammen. Nierstein mit Schwabsburg, Dexheim und dem Kornsand bildete noch bis zum Frieden von Lunéville vom 9. Februar 1801 eine administrative Einheit. Recht umfangreiche Funde innerhalb der heutigen Gemeindegrenzen lassen eine starke Besiedlung der Niersteiner Talbucht in römischer Zeit erkennen. Ein ausgedehnter Vicus mit großem Friedhof reichte vom Merkurtempel "Auf der Glöck" bis zum Quellheiligtum der Sirona. Bis zu Beginn des 4. Jahrhunderts fand das Sironabad großen Zuspruch. In römischer Zeit war Nierstein Sitz eines höheren römischen Beamten, eines "beneficiarius consularis" und Standort einer Abteilung römischer Soldaten der 1. lturäer-Kohorte, die unter Kaiser Tiberius in Mainz Quartier bezogen hatte. Im 4. Jahrhundert begann die Auflösung des Römischen Weltreiches, verursacht durch die innere Schwäche und die Wanderung der germanischen Stämme nach dem Hunneneinfall im Jahre 375. Die Römer konnten die Rheingrenze nicht mehr halten, die Wogen der Völkerwanderung brachen über die rheinischen Lande herein. Erst mit den Franken kam es zu einer Konsolidierung der Verhältnisse, die größere Gemeinwesen in Rheinhessen wieder entstehen ließ. Die baulichen Überreste des römischen Vicus Buconica nutzten die Franken und nannten ihre Siedlung "Narinstaine". Der karolingische Königshof wurde zum Zentrum königlicher Macht. Einige Könige weilten in Nierstein und urkundeten hier.

Der Königshof wird in unmittelbarer Nachbarschaft zur Martinskirche auf dem Fronhof vermutet. Die beiden Nebenhöfe Oppenheim und Dexheim waren auf dem Haupthof Nierstein orientiert. Die Niersteiner Vogtei war ein Reichslehen, das am Ende des 12. Jahrhunderts Kuno von Münzenberg trug. Die "advocatia civitatis", die Stadtvogtei, ging später an den Schultheißen über. Schon im Jahre 1215 ist ein Reichsschultheiß zu Nierstein bezeugt.

GVN - Die Glöck

"Die Glöck" - die älteste urkundlich erwähnte Weinlage in Deutschland (anno 742).

Im Mittelalter war Nierstein ein Mittelpunkt kirchlicher Organisation. Schon im 12. Jahrhundert war es mit seinen zwei Pfarrkirchen Sitz eines Dekanates.

Ein geistliches Gericht, das Niersteiner Sendgericht, ahndete im Mittelalter alle Vergehen in Fragen des Glaubens und der Moral. Es entschied auch in güterrechtlichen Auseinandersetzungen, wenn es sich um geistliche Besitzungen handelte. Der Niersteiner "Oberhof" genoß hohes Ansehen. Er galt als Orientierungs- und Entscheidungsinstanz für umliegende Orte und deren Sendgerichte. Ursprünglich fungierte der Erzbischof von Mainz als Gerichtsherr, später der Stiftspropst von St. Viktor zu Mainz.

Mit dem Rittergericht besaß Nierstein ein Selbstverwaltungsorgan, das weitreichende Befugnisse besaß.

"Die Feststellung, ob Steuerforderungen althergebracht oder unüblich seien, liege bei den 14 Schöffen Niersteins", dies war das Zugeständnis König Richards von Cornwall im Jahre 1268 an die Niersteiner. Damit konnten sie die Höhe der kaiserlichen Schatzung selbst bestimmen. Das Gericht tagte auf dem Fronhof vor der Kapelle St. Petri.

Das Privileg der Selbstschätzung wurde dem Niersteiner Rittergericht immer wieder ausdrücklich bestätigt, so durch Albrecht I. von Habsburg 1303, Heinrich VII. von Luxemburg 1309, Ludwig der Bayer 1338, Karl IV. 1349, Wenzel 1379 und 1400, Sigismund 1414, Friedrich IV. 1442 und Maximilian I. 1493 und 1519.

In einem Konflikt zwischen dem Pfalzgrafen und dem Rittergericht einigte man sich 1578 darauf, dass die Schöffen fortan "im Namen und von wegen" des Kurfürsten als Pfandherren ihr Regiment ausübten. Der Schultheiß, Vorsitzender des Niersteiner Rittergerichts, war der oberste Vertreter des Pfalzgrafen vor Ort. Bis zum Ende des Alten Reiches konnten die Niersteiner die "alten Freiheiten" bewahren. Noch im Jahre 1742 wurden Niersteins Privilegien bestätigt. Sie unterschieden sich deutlich von den entsprechenden kurpfälzischen "Generalverordnungen".

Der Wiener Kongress schlug das Land im Dreieck der Städte Mainz, Worms und Bingen, nun als Rheinhessen offiziell bezeichnet, zu Hessen-Darmstadt. Von 1816 bis 1945 gehörte Rheinhessen und damit auch Nierstein zu Hessen. Rheinhessen ist heute ein Teil des Landes Rheinland-Pfalz. Das Jahr 1968 brachte in Rheinland-Pfalz die Verwaltungsreform. Sie schuf zunächst die Verbandsgemeinde Nierstein-Oppenheim, aus der am 1. Juli 2014 durch die Zusammenlegung mit der Verbandsgemeinde Guntersblum die neue Verbandsgemeinde Rhein-Selz entstanden ist, zu der auch Nierstein gehört.

 

Nierstein, Oktober 2015