Vom Hass, der nicht verschwinden will

Gunda Trepp spricht im Geschichtsverein Nierstein über den Antisemitismus als eine spezifische Form der Diskriminierung

GVN

Sie sei eine „jew by choice“ sagt sie von sich selbst, habe sich immer schon für jüdische Ethik und Spiritualität interessiert, sei vor vielen Jahr bewusst zum Judentum übergetreten und engagiere sich in ihrer Synagoge in San Francisco, wo sie seit langem lebt: Gunda Trepp ist nicht das erste Mal in Nierstein und fühlt sich sichtlich wohl, als sie von Hans-Peter Hexemer als langjährige Freundin herzlich im Haus der Gemeinde begrüßt wird.

Gunda Trepp stellt auf Einladung des Geschichtsvereins Nierstein ihr neues Buch „Gebrauchsanweisung gegen Antisemitismus“ vor, sie nennt es eine „Handreichung zum Kampf gegen den jahrtausendealten Hass“, der nie ganz verschwunden sei, sich sogar in jüngerer Zeit in erschreckender Offenheit und geradezu enthemmt zeige. Und das nicht nur an irgendwelchen obskuren Rändern der Gesellschaft, sondern auch in ihrer Mitte.

Ein am Vortag vorgelegter gemeinsamer Bericht von Bundesinnenministerium und BKA, demzufolge die Zahl antisemitischer Straftaten in Deutschland während des Jahres 2021 um 29 % auf mehr als 3000 gestiegen ist, bestätigt sie.

Und dieses Problem verschwinde nicht, „indem man es kleinredet oder relativiert“. Vielmehr müsse man sich ihm stellen und es ansprechen. In ihrem Buch, aus dem Gunda Trepp an diesem Abend vor rund fünfzig Zuhörern liest, weist sie einen anschaulichen Weg: zunächst Betroffene ernst nehmen, sodann die gängigen Stereotypen offenlegen und antisemitische Beleidigungen und Angriffe als solche klar benennen, schließlich die eigenen Denkmuster und Verhaltensweisen hinterfragen und sich und andere zum Antisemitismus erziehen.

GVNFünf Kapitel umfasst die „Gebrauchsanweisung gegen Antisemitismus“ und alle sind mit Stereotypen überschrieben, mit denen Juden häufig konfrontiert werden.

Ihnen geht sie ausführlich auf den Grund, um sie zu hinterfragen und schließlich zu entlarven: als durchsichtige Versuche zu relativieren und aufzurechnen, von eigener Verantwortung abzulenken und Schuld umzukehren oder auch nur unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit ganz einfach ein Ressentiment abzuladen.

Früher oder später kommt in jeder Beschäftigung mit dem Antisemitismus unweigerlich die eine zentrale Frage auf: „Warum die Juden?“

Darauf gibt es eine lange und komplizierte Antwort: Sie besteht aus der sorgfältigen Benennung der Vorurteile und Vorwürfe gegen Juden, der mühsamen Erläuterung ihrer historischen Hintergründe und Kontexte sowie der Analyse der daraus resultierenden Ressentiments. Gunda Trepp leistet dies in ihrem Buch und liefert so eine probate Argumentationshilfe gegen antisemitische Stereotypen.

So wichtig, vielleicht notwendig diese Erarbeitung ist, man gerät doch immer auch in Gefahr, die Ursache, und das heißt unter Umständen die Schuld bei den Juden zu vermuten, als seien es plausible Motive, denen man hier nachspürt, gerechtfertigte und justiziable Gründe, die Juden zu hassen.

Sachliche Ursachen und Motive gibt es aber nicht und der Antisemitismus braucht sie auch nicht. Wer vermeintliche Beweggründe zu hinterfragen beginnt, wird schnell feststellen, dass es sich lediglich um Vorwände handelt. „Die Juden werden nicht aufgrund irgendwelcher realen Ereignisse gehasst“, erklärt Gunda Trepp, „sondern weil sie Juden sind“. Das ist die kurze Antwort.

Umso erstaunlicher und erschreckender ist es, wie tief sich der Antisemitismus über mehr als zweitausend Jahre eingegraben hat. Auch davon handelt das Buch: Diese „spezifische Form des Hasses und der Diskriminierung“ sei mehr als nur Xenophobie und Rassismus, mehr als Angst vor dem Fremden und mehr als Herabsetzung des Anderen, sondern auch eine anklagende Mutmaßung über den Anderen, indem bloße Annahmen konstruiert werden, die nicht wie Klischees auf simplen Verallgemeinerungen beruhen, sondern auf einer Zuschreibung des „vermeintlich ultimativen Bösen“.

Sie beschreibt Antisemitismus als den „ältesten Hass“, in Form und Gestalt erstaunlich wandelbar, aber zugleich über Jahrtausende konstant in der Ablehnung und Abwertung der Juden als „die Anderen“, die konsequent in ihrem Anderssein beharren.

Vielleicht liegen hier die Wurzeln des Antisemitismus: im Argwohn der Nachbarn gegen das unerklärliche, zutiefst irritierende, weil unbeirrte Festhalten der Juden an ihren Schriften, Überlieferungen und Bräuchen, am Glauben an den einen Gott, den sie auch in der Diaspora unter keinen Umständen aufgegeben haben. Eine seltsam tief eingewurzelte Ablehnung und Abwertung, selbst dort, wo es gar keine Juden (mehr) gab oder gibt.

Nicht zuletzt geht Gunda Trepp auf die beschämenden Folgen des Antisemitismus ein, wenn sie von jungen Juden in Deutschland berichtet, denen der Judenhass in Gestalt offener Anfeindungen entgegenschlägt durch Beleidigung, Verhöhnung und Bedrohung, und die versuchten, auszuweichen, in Deckung zu gehen, gewissermaßen unsichtbar zu werden, um keine Angriffsfläche zu bieten – ein bedrückender Moment in ihrem Vortrag.

Aus drei Kapiteln liest sie, stellt sich im Anschluss den Fragen des Publikums und kommt ins Gespräch, erzählt von sich und ihren eigenen Erfahrungen und verweist darauf, wie oft sich Antisemitismus als vermeintlich sachliche Israelkritik tarne. Sie berichtet von ihren Besuchen an Schulen, wo sie nicht nur über die Shoah und die Millionen ermordeter Juden, sondern sehr gerne auch über gegenwärtiges jüdisches Leben informiere, und vom Leo-Trepp-Schülerpreis, den sie in Würdigung ihres verstorbenen Ehemannes ins Leben gerufen hat. Und sie weckt bei ihrer Zuhörerschaft Interesse, sich selbst intensiver mit dem lebendigen Judentum zu beschäftigen.

Jörg Adrian


Bildunterschriften:

1. Gunda Trepp las beim Geschichtsverein Nierstein aus ihrem aktuellen Buch.

2. Gunda Trepp mit (v. r.) Jörg Adrian, der die Veranstaltung moderierte, Hans-Peter Hexemer und Dieter Burgard, bis April 2022 Beauftragter des Landes RLP für jüdisches Leben und Antisemitismusfragen.

3. Vorstandsmitglieder Steffi Kunke-Heinzel und Marina Wernher am Büchertisch.

     
     
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Nierstein, 11.05.2022